Woperso News - 100 Tage nach Einführung des Mindestlohn

100 Tage nach Einführung des Mindestlohn



Vor gut 100 Tagen wurde der Mindestlohn in Deutschland eingeführt. Kritiker zeichneten Schreckensszenarien wie z.B.: Kleine Betriebe müssen schließen, Arbeitsplätze werden vernichtet und die Preise werden steigen. Befürworter hingegen sagten: Lohnarmut wird verhindert, Schaffung der Gerechtigkeit der Lohnuntergrenze sowie das ankurbeln der Wirtschaft. Doch was ist nun wirklich passiert?

Wer spürt bisher die folgen?



Experteneinschätzungen zu Folge trifft der Mindestlohn vor allem Ostdeutschland und auch einzelne Branchen. Verbraucher müssen seither mancherorts bei Hotels, Bäcker, Taxi und Gaststätten mehr bezahlen. Auch Unternehmen zeigen erste Spuren dieser Neuerungen.

"Die Einführung des Mindestlohns hat aber nicht zu Preiserhöhungen auf breiter Front geführt, die wirklich bei den Menschen ein Loch in die Tasche reißen würden", sagt Konjunkturexperte Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Es sei auch nicht damit zu rechnen. "Ich denke, dass die Preisreaktion schon fast abgeschlossen ist. Denn der Preis ist für die Unternehmen die erste Möglichkeit, auf den Mindestlohn zu reagieren." Es wird sich also auch in den nächsten Monaten herausstellen, ob die Verbraucher höhere Preise akzeptieren werden.

In grenznahen, strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands sind, laut mehrerer Branchenverbände, allerdings diese Angaben ganz anders zu bewerten. Kräftige Lohnsteigerungen wurden in diesem Gebiet verzeichnet, weil es bis dato ein niedriges Niveau vor der Lohnsteigerung war. Allerdings ist es in Regionen mit vergleichsweise hoher Arbeitslosigkeit und geringer Kaufkraft schwierig die gestiegenen Personalkosten über Preiserhöhungen auszugleichen.

Beispiel hierfür wären Gaststätten und Hotels in der Region von Mecklenburg-Vorpommern. Laut Angaben des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), legten dort die Preise im Februar um fast 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Während bundesweit das Plus bei nur knapp 3 Prozent lag. Durchaus möglich wäre es, dass man diese Preissteigerung in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer Kaufkraft sich nicht durchsetzten könne, sagte Geschäftsführerin Sandra Warden. "Im Extremfall könnte das bis zu Betriebsschließungen führen."

"Was wir jetzt schon erkennen können, ist, dass es Betriebe gibt, die Öffnungszeiten reduzieren, zum Beispiel den Mittagstisch abschaffen, über den Nachmittag schließen oder den Service reduzieren - und damit auch das Personal." Gäste zeigten bisher dafür Verständnis, sagt Warden. "Was das dann mit einer Urlaubssaison macht, und ob dann doch der Einzelne rechnet und schaut, fahre ich kürzer oder seltener, oder mache den Kurzurlaub in Deutschland gar nicht mehr, das wird sich erst langfristig herausstellen."

Betriebsschließungen werden möglich sein



Floristen im Osten plagen hier besonders große Sorgen. "Es gibt keinen Spielraum für Preissteigerungen in der Branche", sagt eine Sprecherin des Fachverbands deutscher Floristen.
Die Konkurrenz von Angeboten der Discounter und Internet Blumenhändlern sei zu groß. Ein düsteres Bild was sich auf Dauer abzeichnen wird. Der Verlust von Arbeitsplätzen sei sehr wahrscheinlich. "In der jetzigen Situation scheint es fast ausgeschlossen, noch Gewinne zu erwirtschaften und somit die Zukunft der Branche zu festigen. Wir gehen entsprechend von Betriebsschließungen in den neuen Bundesländern aus."

Taxi Gewerbe bisher unbeeindruckt



Entwarnung gibt es vorerst in der Taxibranche. "Die dramatischen Kundenrückgänge, die wir befürchtet haben, scheinen sich nicht einzustellen", sagt der Präsident des Branchenverbandes BZP, Michael Müller. Taxifahrer wurden, laut Zahlen des statistischen Bundesamtes, im Vergleich zum Vorjahr um ca. 10% teurer. "In Erfurt gab es ein Plus von etwas über 40 Prozent", sagt Müller.

Doch allein bei Preissteigerungen wird es nicht bleiben. "Gerade in ländlichen Bereichen gibt es nachts oft nur drei, vier, fünf Fahrgäste. Da ist es kaum möglich, mit diesen wenigen Fahrten 150 oder 200 Euro einzufahren, um den Fahrer für sechs Stunden bezahlen zu können", sagt Müller. "Man wird in Zukunft nicht ausschließen können, dass Fahrgäste nicht mehr an jeder Ecke zu jeder Zeit sofort ein Taxi kriegen."

Minijobs sind rückläufig



Die Zahl der Minijobs ist definitiv rückläufig. Preise sind zwar gestiegen, dies ist aber auch schon vor der Einführung des Mindestlohns geschehen und daher nicht ausschlaggebend. Es gab eine teilweise aber nur leichte Preiserhöhung in der Dienstleistungsbranche. Dem Taxigewerbe schien dies aber nicht zu Schaden, da Kunden weiterhin dem Taxigewerbe treu blieben.

"Wer es nicht schafft, gestiegene Kosten durch Umorganisation oder höhere Preise zu kompensieren, müsse anders reagieren", sagt Fichtner. Unternehmen müssten in Kauf nehmen, dass ihre Gewinne zurückgehen. "Die andere Möglichkeit wäre, dann doch Leute zu entlassen." Keine Anzeichen dafür sieht die Bundesagentur für Arbeit, dass Firmen wegen des Mindestlohns Stellen streichen. Hingegen meldete die Minijobzentrale, dass die Zahl der Minijobs im Januar ungewöhnlich stark zurückgegangen ist. Die Vermutung mit dem Zusammenhang des Mindestlohn liegt nahe.

Heinrich Alt ,Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, warnt allerdings vor übereilten Schlussfolgerungen: "Es kann sein, dass ein Teil der weggefallenen Minijobs in sozialversicherungspflichtige Stellen umgewandelt wurde", sagte er. Ein Indiz dafür sei die Auffälligkeit der vielen neu geschaffenen Stellen im Handel. Nach Alts Angaben zu Folge wurden ein großer Teil der Minijobs bislang mit weniger als 8,50 Euro entlohnt.

Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt die Zahl der offenen Stellen und befürwortet die weiterhin gute Verfassung. 542.000 Jobs waren im März waren bei den Arbeitsagenturen ausgeschrieben.
Amin Werner, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks, sagte, " Das Problem sei, dass Minijobber nicht mehr so flexibel eingesetzt werden könnten." Die Verdienstgrenze von 450 € wäre schnell erreicht, wenn die Minijobber auch noch an Wochenenden und Feiertagen arbeiteten.

Wirtschaftsforscher warnen vor dem Optimismus der Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), denn der Mindestlohn wurde zu einer günstigen Wirtschaftslage eingeführt und könne das anfänglich gute Bild, über die Einführung des Mindestlohns, täuschen. Politiker äußerten sich jüngst über eine positive Konjunkturlage, diese ist aber, laut Wirtschaftsökonomen nicht zutreffend.
Erste Opfer durch die Einführung des Mindestlohns sind Minijobber wie Studenten oder Rentner.
Allein im Februar sind über 100000 Minijobs verschwunden. Unternehmen könnten die Anzahl der unbezahlten Überstunden anheben und viele wenig Verdiener könnten somit auch in die Selbstständigkeit getrieben werden.




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